Projekt Wisent Thal

«Sind freilebende Wisente im Jura tragbar?»

Vorhaben

Das «Projekt Wisent Thal» untersucht, ob das grösste Wildtier Europas im Schweizer Jura wieder leben kann. Dazu wird eine Wisent-Testherde von maximal 25 Tieren während 10 Jahren überwacht und betreut.

Ziel

Das begehbare Gehege weckt positives Interesse für wildlebende Wisente und macht die Tiere in der Juralandschaft für alle Leute erlebbar. Es zerstreut allfällige Ängste vor den Tieren und dient auch für praxisbezogene Studien.

Projektphasen

Ein 10 Jahres-Feldexperiment

PHASE I – EINGEWÖHNUNG (violett): September 2022–November 2024. Ein 51 ha grosses Gehege, in der sich die Herde an die lokale Umgebung anpassen kann.

PHASE II – ERWEITERUNG (rot): Seit September 2024. Eine Erweiterung auf 106 ha ermöglicht weitere Studien.

PHASE III – FREISETZUNG (orange): Im Jahr 2027. Die Zäune werden entfernt, jedoch bewegen sich die Wisente nur in einem vordefinierten Bereich.

Phasen 1 und 2: Die kontrollierte Auswilderung der Testherde erfolgt in drei Phasen in zunehmend grossen Räumen, wobei die Tiere in den beiden ersten Phasen eingezäunt sind und sich in der dritten Phase in einem definierten Gebiet frei bewegen können.

Seit September 2022 hatte sich die Testherde in «Phase 1» während zwei Jahren in einem rund 50 ha grossen eingezäunten Gelände an die Juralandschaft gewöhnen können. Seit September 2024 hat sich ihr – noch immer eingezäuntes – Gehege für die «Phase 2» auf ca. 100 ha verdoppelt.

Gatter sorgen dafür, dass die Wege für Fussgängerinnen und Fussgänger sowie Forstfahrzeuge benutzbar bleiben.

Unsere Ziele und Forschungspunkte: Wir sammeln fundierte Daten über die Anpassungsfähigkeit der Wisente und ihren Einfluss auf die Kulturlandschaft des Juras.

  • Mensch-Wisent-Koexistenz: Untersuchungen zur Akzeptanz der lokalen Bevölkerung sowie zum Einfluss der Wisente auf die Forst- und Landwirtschaft.
  • Verhalten und Nahrung: Untersuchungen zum sozialen Verhalten der Wisente, dem Verhalten der Wisente Menschen gegenüber, ihrer Nahrungswahl und ihren täglichen Aktivitätsmustern.
  • Ökologie: Bewertung des Einflusses der Wisente auf die lokale Flora und Fauna.

Vorgehen Phase 3 – Halbfreiheit

Im Jahr 2027, nachdem sich die Wisente mit den Gegebenheiten des Juras vertraut gemacht und eine stabile Raumnutzung entwickelt haben, wird der Zaun nach ca. weiteren drei Jahren für die dritte Phase abgebaut. Danach kann sich die Test-Herde in einem definierten Gebiet von rund 7 km2 Grösse auch in den angrenzenden Wäldern der ersten Jurakette aufhalten.

Begrenzung des Gebiets: Wegen der bestehenden Weidezäune werden die Wisente auch in der dritten Phase den Wald nur an wenigen Stellen verlassen können. Ausserdem werden mit virtuellen oder stellenweise auch echten Zäunen die Wisente am Verlassen dieses Gebietes gehindert.

Dank GPS-Halsbändern ist der Aufenthaltsort der Herde zudem immer bekannt. Das Befinden der Tiere und die soziale Struktur der Gruppe werden regelmässig im Feld überprüft.

Begleitende Massnahmen: Die Begleitforschung untersucht Nahrungswahl, Verhalten der Herde gegenüber Menschen, Vieh und Einrichtungen aller Art. Allfällige Wildschäden werden systematisch dokumentiert und den Betroffenen abgegolten. Dies gilt auch für Mehraufwände infolge der Wisente.

Zudem wird untersucht, wie das Verhalten der freilebenden Wisente gezielt beeinflusst werden kann. Insbesondere wird geklärt, ob und wie die Wisente von Flächen ferngehalten werden können, auf denen sie grossen Schaden stiften könnten.

Europäischer Wisent (Bison bonasus)

Das grösste Landtier Europas

  • Bis zu 920 kg schwer
  • Ernährt sich von Gräser, Kräuter, Rinden und Blätter
  • Bis zu 1.9 Meter Schulterhöhe
  • Lebt in lichten Laub- und Mischwälder
  • Bis zu 60 km/h schnell

Wisente sind soziale Tiere, die oft in Herden von etwa 20 Tieren leben. Diese bestehen aus Kühen, Kälbern und Jungbullen, während ältere Bullen oft als Einzelgänger umherziehen. Innerhalb der Herde gibt es klare Rangordnungen, angeführt von einer Leitkuh. Wisente sind kommunikativ und nutzen Gesten und Körperhaltungen zur Verständigung. Ein spezieller Wisent-Laut ist das Knören, ein Geräusch ähnlich einem Grunzen. Wisente wittern Menschen auf bis zu 200 Meter Entfernung und meiden den Kontakt. Trotz ihrer Grösse und Stärke sind Wisente scheue Tiere, die Konflikte meiden und bei Gefahr flüchten.

Beinahe ausgerottet, immer noch bedroht

Schon die eiszeitlichen Jäger haben den Steppenbison und den Wisent gejagt. Im Mittelalter war der Wisent bereits selten und überlebte fast nur noch in den geschützten Jagdrevieren des Hochadels.

Die letzten bekannten freilebenden Wisente lebten bis zum ersten Weltkrieg im geschützten Jagdrevier der russischen Zaren um Bialowieza (heute PL/BLR). In den Wirren der russischen Revolution und des Weltkriegsendes wurden die verbliebenen über 700 Wisente innert weniger Jahre ausgerottet. Der letzte Wisent im Kaukasus fiel um 1927 einem Wilderer zum Opfer.

 

Bild: Malerei in der nordspanischen Höhle Altamira, ca. 13’000 v.Ch.

Die Rettung

Die Karte zeigt die prähistorische Verbreitung des Wisents (hellblau), die Verbreitung im Mittelalter (dunkelblau) und die beiden letzten Vorkommen um 1900 (rot). © GEONOX GmbH

1923 stellte der polnische Zoologe Jan Sztolcman auf dem Naturschutzkongress in Paris seine Ideen zur Rettung des Wisents vor. 1923 wurde die «Gesellschaft zur Rettung des Wisents» gegründet. Man begann die Zucht mit 54 Tieren, die in Zoos und Wildgehegen überlebt hatten. Alle Wisente stammten von nur 12 Elterntieren ab. Nachdem 1952 zwei Bullen im Wald von Bialowieza erfolgreich ausgewildert wurden und ihnen im Jahr darauf zwei Kühe folgten, wurde 1957 das erste Wisentkalb in Freiheit geboren. Die dortige Herde ist allmählich angewachsen und es folgten dann weitere Aussetzungen in Polen und anderen osteuropäischen Ländern. 2022 wurde der Wisent-Weltbestand auf ca. 10’000 Tiere geschätzt, davon rund 8’000 in freilebenden Herden.

Unsere Herde

Am 15. September 2022 kam unsere Gründerherde, bestehend aus einem Stier, drei Kühen und einem weiblichen Kalb, nach Welschenrohr.

Jahr

Total

Stiere

Kühe

Jungtiere
(1-3 Jahre)

Kälber

2022

5

1

3

1

2023

7

1

3

1

2

2024

10

1

3

3

3

2025

11

1

3

5*

2

*Jungstier wurde im April 2025 geschossen. Die Pressemitteilung dazu kann hier gelesen werden.

Unsere Herde

Am 15. September 2022 kam unsere Gründerherde, bestehend aus einem Stier, drei Kühen und einem weiblichen Kalb, nach Welschenrohr.

*Jungstier wurde im April 2025 geschossen. Die Pressemitteilung dazu kann hier gelesen werden.

Die 10 wichtigsten Fragen zum Projekt

Warum setzt sich das Projekt Wisent Thal für Wisente im schweizerischen Jura ein?
  • Weil dieses grossartige Wildtier in unserer Landschaft fehlt.
  • Weil wir als reiches Land Verantwortung für das gefährdete grösste Wildtier Europas übernehmen wollen.
  • Weil wir ein Zeichen dafür setzen wollen, dass das Zusammenleben mit den grossen Wildtieren in der modernen Kulturlandschaft funktionieren kann.
 
Handelt es sich um ein Aussetzungs- oder Wiederansiedlungsprojekt?

Nein. Das Projekt Wisent Thal will mit einer gut überwachten kleinen Wisentherde testen, ob freilebende Wisente im Jura tragbar sind. Die Tiere sind nicht Wildtiere, sondern Eigentum des Vereins Wisent Thal und dieser haftet auch für allfällige Schäden jeder Art. Falls sich die Tiere nach 10 Jahren als unproblematisch erweisen, kann der Regierungsrat des Kantons Solothurn beim Bund die Entlassung der Tiere in die Freiheit beantragen. Dies wäre dann eine Aussetzung (die Wisente würden vom Eigentum des Vereins Wisent Thal in öffentliches Eigentum übergehen und den Status als Wildtiere bekommen).

Werden die Wisente Schäden an Wald und landwirtschaftlichen Kulturen anrichten?

Diese Frage kann derzeit noch nicht mit Sicherheit beantwortet werden. Das Projekt dient genau dazu, abzuklären, ob die Tiere schädlich sind bzw. welches Ausmass allfällige Schäden haben. Aufgrund der Erfahrungen mit freilebenden Wisenten anderswo vermuten wir, dass die Schäden ein ähnliches Ausmass aufweisen könnten wie jene durch die Gämsen im Thal.

Wer kommt für allfällige Schäden auf?

Als Eigentümer haftet der Verein Wisent Thal für alle allfälligen Schäden, welche die Wisente anrichten könnten. Er schliesst dafür eine Versicherung ab.

Sind Wisente gefährlich?

Nein. Wisente sind zwar grosse und kräftige, aber sehr friedliche Tiere, friedlicher als beispielsweise Kühe. In den vergangenen 50 Jahren, also seit es wieder freilebende Wisente gibt, ist nur ein einziger Angriff freilebender Wisente auf Menschen bekannt geworden. Anlass war der Angriff des Hundes einer Frau auf eine Wisentkuh mit Kalb. Die Frau wurde beim erfolgreichen Versuch, ihren Hund vor der Wisentkuh in Sicherheit zu bringen, nicht ernsthaft verletzt.

Warum wurde das Thal für diesen Versuch ausgewählt?

Das Gebiet wurde ausgewählt, weil es günstige landschaftliche Voraussetzungen erfüllt (der grösste zusammenhängende Wald im Jura, keine grösseren Strassen, vielfältige Waldbilder), weil hier ein bedeutender Waldeigentümer und ein Landwirt für das Projekt gewonnen werden konnten und weil das Gebiet sehr günstig für eine Wiederbesiedlung des ganzen Juras liegt, falls sich die Wisente als unproblematisch erweisen.

Ist das Versuchsgebiet im Thal gross genug für eine Wisentherde?

Ja. Im Vergleich mit anderen wiederangesiedelten Wisenten bestätigt sich das unsere Wisente genügend Platz haben.

Ist das Thal nicht zu dicht besiedelt für Wisente?

Kaum. Im Vergleich zu anderen Gebieten, wo Wisente angesiedelt wurden, ist die Bevölkerungsdichte zwar etwas höher. Jedoch ist es wahrscheinlich, dass andere Kriterien sich als wichtiger herauskristallisieren werden in der Landschaftseignung.

Gibt es genügend Platz für den Wisent in der dicht besiedelten Nordwestschweiz?

Sicher. Es gibt im Kanton Solothurn derzeit rund 6’700 wildlebende Huftiere und rund 54’000 als Nutztiere gehaltene Huftiere (ohne Schweine). Neben diesen rund 60’000 Huftieren ist langfristig sicher noch Platz für einige Dutzend Wisente.

Woher kommen die Wisente ins Thal?

Das kann und will der Verein Wisent im Thal nicht selbst bestimmen. Die Tiere werden aufgrund genetischer Überlegungen vom Europäischen Erhaltungszuchtprogramm EEP ausgewählt.